10.11.2021

Ein Schiedsrichter, dem es einfach Spaß macht

Am Freitag um 16 Uhr klingelte bei Hartmut Abrahams aus Sande das Telefon. In der Leitung war Marvin Greff, Schiedsrichter-Ansetzer von Jugendspielen im Fußballkreis Jade-Weser-Hunte. Sechs Partien des Wochenendes waren zu diesem Zeitpunkt noch nicht besetzt.

Für den 77-Jährigen war es im Anschluss keine Frage einzuspringen. „Mich kannst du nachts anrufen und ich pfeife ein Spiel“, stellt Abrahams fest – und mit Blick auf seine Karriere als Schiedsrichter, die bereits 1965 begann und im Jahr 2021 mit Partien bei den Altherren und der D-Jugend noch lange nicht zu Ende ist, besteht daran kein Zweifel.

55 Jahre als Schiedsrichter auf dem Platz, davor als Fußballer, dazu seit 40 Jahren Sportrichter – trotzdem kennt Hartmut Abrahams eigentlich niemand. Denn bekannt ist der Friesländer ausschließlich unter seinem Spitznamen „Pico“. Den gab es damals in Neustadtgödens, als Fußballer noch zehn Jahre alt sein mussten, um in einer Mannschaft spielen zu können. Abrahams: „Ich war neun, ziemlich klein und wurde deshalb in Anlehnung an die kleinen Sektfläschchen Pico getauft.“

Fehlender Respekt

Der kleine Pico bekommt allerdings heute einen großen Hals, wenn es um die aktuelle Situation auf den Fußballplätzen geht, denn der Respekt gegenüber Schiedsrichtern lässt immer mehr nach. Weit schauen muss der 77- Jährige nicht, um dafür ein Beispiel zu finden. Aktuell war gerade ein B-Jugendspiel Gegenstand einer Sportgerichts-Verhandlung mit Geldstrafe und Punktabzug.

Abrahams hat die Akte vor sich liegen, blättert darin, schüttelt den Kopf und stellt – ohne Namen zu nennen – fest. „Was sich der Schiedsrichter da anhören musste, ist einfach unglaublich. Früher wurde ein Schiedsrichter vielleicht blind genannt, heute aber geht vieles weit unter die Gürtellinie. Das hat natürlich auch etwas mit dem Klientel zu tun, allerdings muss man bei solchen Diskussionen ganz vorsichtig sein, weil man sonst in eine Ecke gedrängt wird, in der ich nicht stehe. Leider aber spielt die Herkunft von Spielern in vielen Sportgerichtsverhandlungen eine Rolle.“

Schlechte Vorbilder 

Lieber als diese Diskussion führt der 77-Jährige aber eine über Vorbilder. „Ich verstehe den Fußball nicht. Beim Handball gibt es einen Pfiff und dann liegt der Ball auf dem Boden. Liegt er da nicht, gibt es eine Zwei-Minuten-Strafe. Im Fußball folgt auf einen Pfiff häufig eine Diskussion, ein Ballwegschlagen, ein Ballmitnehmen oder eine Rudelbildung. Da müsste viel härter durchgegriffen werden. Passiert das in der Bundesliga, wird der Spieler vielleicht für zwei Spiele gesperrt, bei uns für zwei Monate. Ich sehe da eine große Ungleichbehandlung im Strafmaß. 


Seit 1965 ist Hartmut „Pico“ Abrahams vom FC Rot-Weiß Sande als Schiedsrichter aktiv. 

Im Kreis kann das Sportgericht Geldstrafen bis zu 1.000 Euro und Sperren bis zu einem Jahr aussprechen. Ein wirksames Instrument, um Spieler frühzeitig „herunterzukochen“, ist für Abrahams aber die fünfminütige Zeitstrafe im Nachwuchsbereich.

Deeskalation als Ziel

Ansonsten hat der 77-Jährige Zeit seines Lebens auf Deeskalation gesetzt. Einem Spieler, der partout nach einer gelben Karte seinen Namen nicht nennen wollte, brachte Abrahams so mit der Nachfrage, ob er wegen solcher Sperenzchen gerne vom Platz fliegen möchte, wieder auf Kurs.

Heutzutage hat der 77-Jährige auf dem Platz nichts mehr auszustehen. Der Zeitpunkt seiner letzten gelben Karte? Da gerät der Erzählfluss des 77-Jährigen vielleicht das einzige Mal ins Stocken. Lang, lang ist’s her. Wichtiger ist ihm allerdings etwas anderes. „Die Spiele bei den Altherren und in der Altliga geben mir das Gefühl dazuzugehören.

Und das ist schön – genau der Augenblick, wo ein Zwölfjähriger an deine Kabinentür klopft und sagt: Schiri, du hast gut gepfiffen. Deswegen werde ich solange Spiele leiten, wie das körperlich funktioniert. Und deswegen schrecken mich auch die Dinge, die ich beim Sportgericht höre, nicht ab.

Zu spät gewechselt

Das einzige Bedauern beim Blick zurück hängt für den gelernten Schlosser und Maschinenbau-Techniker, der bis zu seinem Vorruhestand 2004 bei Manitowoc arbeitete, damit zusammen, erst nach dem Aus beim Fußball die Seiten gewechselt zu haben. „Ich bin mir sicher, dass ich sonst über die Bezirksebene hinausgekommen wäre.“

 Immerhin aber landete Abrahams im Gespann des ehemaligen Bundesliga-Schiedsrichters Winfried Brückner vom FSV Jever. „8000 Zuschauer am Millerntor beim Amateuroberliga-Spiel zwischen St. Pauli und Altona. Das war ein Erlebnis.“
Zwei Dinge sind es zudem, die Abrahams an Brückner auch heute noch bewundert. „Für ihn war klar: Wir pfeifen nur das, was wir sehen. Und wir ahnden ein Foul in der 1. Minute wie in der 90. Minute.“

Persönliche Schiri-Höhepunkte gab es aber auch so noch. So pfiff Abrahams Freundschaftsspiele zwischen Esens und Bohemians Prag („Wenn da die Nationalhymne erklingt, hast du Tränen in den Augen“), dem VfL und Karlsruhe mit Winfried Schäfer oder Spiele der HSV-Traditionsmannschaft mit Uwe Seeler.
Aktuell allerdings fährt „Pico“ Abrahams weiter in den Klosterpark, zeigt keine gelbe Karte und rechnet 15 Euro und etwas Fahrtgeld für ein D-Junioren-Spiel ab.

Text und Bild: Martin Münzberger (Wilhelmshavener Zeitung)

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Seite zuletzt aktualisiert am: 02.12.2021

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