24.11.2020

Sechs Mädchen freuten sich auf "05" - Frauenfußball startete 1970 in Wilhelmshaven

Der größte Gegner ist das Klischee“, heißt ein ARD-Film aus dem August von Jürgen Schmidt zu „50 Jahre Frauenfußball“. 

Wenn Karin Rentsch (Titelbild) allerdings auf den November 1970 zurückblickt, dann ist da wenig Klischee, dafür aber viel Freude. „Ich habe mit meinen Brüdern in F’groden auf der Straße gespielt. Als da plötzlich über eine Zeitungsanzeige Spielerinnen für eine Damenmannschaft gesucht wurden, ging für mich ein Traum in Erfüllung.“

Ähnlich war das bei Susanne Janßen, mit zwölf Jahren das Nesthäkchen des halben Dutzend Mädchen, die beim ersten Training in der Schellinghalle dabei waren. „Mein Vater hat mich damals begleitet. Er wollte wohl sehen, ob da auch alles mit rechten Dingen zugeht.“ 

                                   Auch Susanne Janßen war 1970 von Beginn an dabei.

Und das tat es. Trainer war schließlich Max Weise (Jahrgang 1919), der als Vater von fünf Töchtern selbst fast ein halbes Team zuhause hatte. Weise – ein Schüler von Ernst Fuhry, „Erfinder“ des DFB-Logos und Herausgeber einer DFB-Fußball-Fibel – war 1958 nach Wilhelmshaven gekommen und arbeitete bei der Stammdienststelle der Marine und nebenbei als 05-Trainer. 

Über seinen neuen Job beim Damenteam dürfte der Coach, der letztlich mehr als 45 Jahre im Fußball aktiv war, etwas gegrübelt haben. Rentsch: „Da war alles dabei. Vor allem aber Mädchen, die noch nie Fußball gespielt hatten". Am 24. November 1970 fand das erste Training der Fußballerinnen von Wilhelmshaven 05 in der Halle Schellingstraße statt.. Fünf Tage zuvor hatte die „Wilhelmshavener Zeitung“ die Gründung einer „Damenfußballmannschaft“ (ab 16 Jahre) und einer „Damenjugendmannschaft“ (bis 16 Jahre) vermeldet. 

Babsi, Karin, Vera, Carola, Susi und Karin – diese „Startaufstellung“ (v.l.) ist in der Chronik für das erste Training der Fußballerinnen von Wilhelmshaven 05 notiert.

Die Begeisterung war groß. „Es gab einen Boom. Sonst hätten wir auch nicht sofort im Jahr darauf eine Mannschaft im Spielbetrieb anmelden können“, erinnert sich „Libera“ Susanne Janßen, die zahlreiche Dokumente, Zeitungsausschnitte – mit Sport zwischen Werbung für Kaba fit und Onko Kaffee – sowie Fotos aus den Anfangsjahren in sorgfältig geführten Alben gesammelt hat. Auch die Ausschreibung der Saison – die Partien dauerten 2 x 30 Minuten – findet sich in den Unterlagen der Wilhelmshavenerin inklusive einer wichtigen Handreichung für die Schiedsrichter. „Der Gebrauch der Hand zum Schutz des Körpers ist erlaubt.“ 

Einer der damals viele Damenspiele pfiff, war Helmut Seidenschwanz. Und dem Unparteiischen war sein Name damals etwas peinlich, erinnert sich Rudolf Drechsler (83), auch ein Archivar des Wilhelmshavener Nachkriegsfußballs. „Der hat anfangs vor den Spielen immer etwas rumgedruckst. Aber den Mädchen war das völlig egal. Da hieß es nur: Alles klar Helmut.“ 

Im Mai 1971 nahmen die 05-Fußballerinnen den Spielbetrieb auf und wurden auf Anhieb Vizemeister im  Altbezirk Oldenburg. Drei Jahre später wurde eine Mädchenmannschaft gegründet. 

Nach zehn Spielen belegten die Kickerinnen der Spielvereinigung 05 in ihrer ersten Spielzeit 1971/72 den zweiten Platz in der Nordstaffel des Altbezirks Oldenburg.

Der damalige 05-Abteilungsleiter erinnert sich schon daran, bei den Spielen anfangs nicht nur als Zuschauer vor Ort gewesen zu sein. Drechsler: „Die, die meinten, die Damen sollten lieber zum Ballett gehen, habe ich konfirmiert.“ 

Karin Rentsch (geb. Nowak), nebenbei anfangs auch Torfrau bei der Tura-Handballerinnen und am Samstagabend zuhause Angehörige der siegreichen heimischen Sportschau-Fraktion, die sich gegen einen schielenden Löwen („Daktari“) durchsetzte, blieb dem SVW bis zur Oberliga treu, kickte später noch in der zweiten Mannschaft und beendete ihre Karriere erst mit 45 Jahren. 

Bereits zuvor aber hatten sich bei der Stürmerin Zweifel breit gemacht. „Max Weise konnten wir einige Dinge ja noch ausreden. Der hat irgendwann zum Beispiel Jürgen Negrassus angeschleppt, der mit uns ein Zirkeltraining gestartet hat, das drei Viertel von uns abgebrochen haben, weil sie nicht mehr konnten. Aber mit Helmuth Fünfstück als neuem Trainer stiegen dann die Ansprüche endgültig. Samstags feiern zu gehen, war dann auch keine so gute Idee mehr, fand der Trainer. Zusammen mit meiner Arbeit im Einzelhandel war ich deshalb irgendwann ganz froh, kürzer zu treten.“ 

Wobei das nur bedingt richtig ist. Drei Jahre nach ihrem Karriereende lief Rentsch – zuvor mit einer 48er-Zeit über 10 Kilometer, 4:26 Stunden durch Berlin und hatte so ihren ersten und einzigen Marathonlauf bestritten. 

Im Jahr 1972 fusionierten die Spielvereinigung Wilhelmshaven 05, der ehemalige Marinesportverein, und der TSV Germania Wilhelmshaven zum SV Wilhelmshaven (SVW). Mit Helmuth Fünfstück als neuem Trainer stiegen die 1. Damen 1975 in die Verbandsliga auf – und zwei Jahre später wieder ab. Größter Erfolg der Fußballerinnen war die Bundesliga-Spielzeit 1990/91. Ob Iris Taaken seinerzeit nach 55 Sekunden im Heimspiel gegen Berlin das erste Bundesliga-Tor erzielte, ist historisch umstritten. Andere Spiele der 1. Liga sollen bereits um 11 Uhr angepfiffen worden sein. Unterlagen dazu gibt es aber nicht. Claudia Lübbers war die bekannteste SVW-Spielerin. 

Das SVW-Team aus dem Jahre 1975 mit Trainer Helmuth Fünfstück.

1994 feierte die 16-Jährige als bis heute jüngste A-Nationalspielerin ihr Debüt im DFB-Dress. Und beim 11:0 in der EM-Qualifikation gegen die Schweiz gelang der SVW-Oberliga-Spielerin auf Anhieb ein Torerfolg.  In zwei Jahren kamen acht Länderspiele zusammen. Der Ausbildung gab die heute 42-Jährige mit dem neuen Nachnamen Tschöke den Vorzug.  Später kamen Knieprobleme hinzu, sodass es nie zu einem Wechsel in die Bundesliga kam. Ganz vom Fußball konnte sie, die als Bankkauffrau arbeitet  und mit Mann und zwei Kindern in Tannenhausen wohnt, dann nach ihrer aktiven Laufbahn aber nicht lassen. Seit der Fusion zum Fußballkreis Ostfriesland im Jahr 2017 fungiert sie dort als Schatzmeisterin  im Kreisvorstand. 

                 Claudia Tschöke (geb. Lübbers) machte acht Länderspiele für das DFB-Team

Aus Kostengründen meldete der SVW  seine Frauen-Abteilung nach der Saison 1999/2000 ab. Als ranghöchstes Frauenteam aus der Jadestadt spielt der VfL Wilhelmshaven aktuell in der Bezirksliga. Alle anderen Mannschaften, auch die neu aufgestellte Elf des SV Wilhelmshaven, sind dem Spielbetrieb des NFV-Kreis Jade-Weser-Hunte zugeordnet.

Text: Martin Münzberger (Wilhelmshavener Zeitung)
Bilder und Repros: Lübbe (Wilhelmshavener Zeitung) 

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Seite zuletzt aktualisiert am: 24.01.2021

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