Helmut Fünfstück: Wilhelmshavener Trainerlegende blickt zurück

Der Wilhelmshavener Mädchen- und Frauenfußball ist bis heute eng mit zwei Namen verbunden. Da war einmal Max Weise, der noch 1970 unmittelbar nach Aufhebung des DFB-Verbots von Frauenfußball eine Mädchen- und Frauenfußballabteilung innerhalb der SpVg Wilhelmshaven 05. Als 1972 der Verein mit der Germania Wilhelmshaven zum SV Wilhelmshaven (SVW) fusionierte, ging auch die Mädchen- und Frauenfußballabteilung im neuen Verein auf.
Zwei Jahre später stieß ein junger Mann zum SVW, der dann ein Vierteljahrhundert lang die Geschicke in der Mädchen- und Frauenfußballteilung des Vereins bestimmen sollte. Helmut Fünfstück war der Motor einer großartigen Entwicklung, die er zu dem Zeitpunkt überhaupt nicht erahnen konnte.
Fünfstück war beim TSV Germania groß geworden. Bereits mit 19 Jahren spielte er in der Landesliga gegen Mannschaften wie die beiden Stadtrivalen TSR Olympia und Wilhelmshaven 05, FC Wolfsburg oder SV Meppen.
Mit 13 Jahre war er nach dem so frühen Tod seiner Mutter Vollwaise geworden. Er kämpfte sich aber durch die folgenden schweren Jahre und ließ sich in keiner Phase auf seinem positiven und erfolgreichen Weg in das Erwachsenenalter beeinflussen.




Die Bundeswehr hätte ihn gern länger an sich gebunden. Er war auch nicht abgeneigt. Gerade zu diesem Zeitpunkt hatte er sich bei der Deutschen Bundespost beworben. Die Bewerbung hatte dann auch Erfolg, und der junge Helmut Fünfstück entschied sich für eine berufliche Laufbahn beim Staatskonzern. Diesen Schritt hat er nie bereut, Im Gegenteil. „Das war die beste Entscheidung in meinem Leben“, so Fünfstück, welcher der Post immer die Treue hielt und im Februar 2013 in den wohlverdienten Ruhestand treten konnte.
Seine Trainerlaufbahn begann er im Fusionsjahr zunächst im Jugendbereich des SV Wilhelmshaven. Er erinnert sich, dass er zwei Jahre später im Frühjahr 1974 zufällig einmal mit einer Spielerin der Frauenmannschaft des SVW sprach, die ihn zu einem Spiel gegen Jahn Delmenhorst einlud. Er schaute sich die Begegnung an und willigte kurz danach ein, das Frauenteam, das bis dato keinen Übungsleiter besaß, zu trainieren. Als er nach 15 Jahren genug hatte, überredete man ihn weitere fünf Jahre dranzuhängen. Schließlich wurden es 25 Jahre, bevor er seine Karriere für einen Club, mit dem er nie einen Vertrag unterschrieben hatte, beendete.


Auf Disziplin legte der damals neu bestellte SVW-Trainer besonders großen Wert, auf dem Sportplatz aber auch abseits des grünen Rasens. Karin Rentsch (geb. Nowak) konnte das nur bestätigen: „„Max Weise konnten wir einige Dinge ja noch ausreden. Der hat irgendwann zum Beispiel Jürgen Negrassus angeschleppt, der mit uns ein Zirkeltraining gestartet hat, das drei Viertel von uns abgebrochen haben, weil sie nicht mehr konnten. Aber mit Helmut Fünfstück als neuem Trainer stiegen dann die Ansprüche endgültig. Samstags feiern zu gehen, war dann auch keine so gute Idee mehr, fand der Übungsleiter“.
In den Folgejahren spielten die Wilhelmshavener Frauen abwechselnd zumeist in der Landes- sowie in der Verbandsliga. Aber Helmut Fünfstück war nicht nur Coach des Frauenteams, sondern managte zudem auch die fußballspielenden Mädchen des SVW. Und dies mit überragenden Resultaten und Erfolgen.
Wurde 1978 in der Endrunde der vier besten Mädchenmannschaften Niederachsen der Landestitel noch knapp verpasst, gelang den Nachwuchsspielrinnen ein Jahr darauf mit Übungsleiter Helmut Fünfstück am Verbandszentrum in Barsinghausen der große Coup mit der Niedersachsenmeisterschaft In der Endrunde der besten vier Teams aus Niedersachsen wurden im Halbfinale der SV Garbsen und im Finale der SV Laarwald bezwungen. Auch in den Folgejahren gehörten die SVW-Mädchen stets zu den Besten in Niedersachsen.




Nach weiteren Jahren in der Landesliga gelang dem SVW 1989 erstmals der Aufstieg in die damals höchste Spielklasse, die Oberliga Nord. Sensationell wurde man auf Anhieb in der Premierensaison Tabellenzweiter und automatischer Aufsteiger in die neugegründete zweigeteilte Bundesliga.
Das Besondere dieses Aufstiegs – aus der Landesliga in die Bundesliga in nur zwei Jahren – war vor allem, dass der Verein stets mit einem sehr schmalen Budget arbeiten musste. „Aus dem Grund ist die Mannschaft in allen drei Ligen nahezu gleich geblieben, und außer Iris Taaken (ab 1990) ist es uns daher nicht gelungen, Neuzugänge anzuwerben“, so Helmut Fünfstück.


Als großer Außenseiter startete der SV Wilhelmshaven mit seinem Trainer in die erste Bundesligasaison 1990/1991 – am Ende fehlte lediglich ein Punkt zum Klassenerhalt. Iris Taaken erzielte dabei zum Saisonauftakt 1990/1991 das erste Bundesligator nach nur 55 Sekunden in der Partie gegen den 1. FC Neukölln aus Berlin.
Regine Schlösser war die Schlüsselspielerin im SVW-Team. „Sie machte den Unterschied. Leider verletzte sie sich gleich in der Anfangsphase der Bundesliga-Spielzeit und fiel lange Zeit aus. Hätte sie durchspielen können, wären wir nicht abgestiegen“, ist sich Helmut Fünfstück sicher. Aber diese Saison verbindet die Spielerinnen des Clubs bis heute. Sie treffen sich regelmäßig mindestens einmal im Jahr und sind auch ohne Einsatz auf dem Rasen weiterhin ein Team.
Fünfstücks Saisonvorbereitung, die unter anderem daraus bestand den Deich hoch und runter zu rennen, aber vor allem ein einzigartiger Teamgeist spülten das Team, das eigentlich keine großen Ambitionen sondern einfach nur Spaß am Spiel hatte, in die Bundesliga. Aufgrund des kleinen Budgets fuhren die Spielerinnen nach jedem Ligaspiel, auch aus Siegen oder Duisburg, noch am selben Tag mit dem Bus zurück – Busfahrten, in denen die Spielerinnen üblicherweise komplett durchsangen, auch mit selbst gedichteten Liedern über das Team. Nur in Berlin gönnte der Verein seinen Spielerinnen eine Nacht, um die Hauptstadt zu sehen – aber auch, um mit den späteren Mitabsteigerinnen aus Neukölln die Berliner Kneipen nach dem Spiel unsicher zu machen.
„In der Bundesligasaison hatten wir mehr Zuschauer als unsere ersten Herren. Das war schon eine Besonderheit. Da kann auch schon Neid auf beim Herrenteam des SVW um den damaligen Trainer Rainer Lückemann“. Allein zur Bundesligapremiere säumten gut 800 Zuschauer das heimische Spielfeld.
Fünfstücks Spielphilosophie war recht einfach, aber auch sehr erfolgreich in all den Jahren bei den Wilhelmshavenern Frauen. „Ich habe auf eine gute Defensive gebaut, den Gegner erst einmal kommen lassen, und dann die freien Räume genutzt. Unsere guten Außenstürmerinnen waren dafür bestens prädestiniert und in der Sturmmitte hatten wir immer erfolgreiche Vollstreckerinnen“.
„Ihr müsste das Spiel lesen können, sagte er seinen Spielerinnen. Jede Bewegung muss einen Sinn haben. Ihr müsst nicht nur sehen, was vor euch passiert, sondern auch, was bei euch im Rücken passiert“.
Nach dem Abstieg wurde Fünfstücks Mannschaft erneut Tabellenzweiter in der Oberliga Nord und qualifizierte sich so für ein Entscheidungsspiel zur Teilnahme an der Aufstiegsrunde für die Bundesliga. Dort verlor man gegen die späteren deutschen Meisterinnen und Europapokalsiegerinnen des FC Rumeln-Kaldenhausen.
Ein letztes Ausrufezeichen setzte der Verein durch Claudia Lübbers, die 1994 mit 16 Jahren und 99 Tagen die jüngste deutsche Nationalspielerin und Torschützin wurde.
Durch einen Tipp erfuhr Helmut Fünfstück, dass eine hochtalentierte Spielerin namens Claudia Lübbers in Wiesmoor kickte. Dort hingefahren gesellte sich im Laufe der Partie Fünfstück zum Vater von Claudia Lübbers und sie kamen ins Gespräch: Nach der Begegnung war dann klar, dass sie zum SVW wechseln würde.
Bis 1999 kickte das Team von Helmut Fünfstück noch bis in der dann neu gegründeten Regionalliga, als der langjährige Übungsleiter endgültig seinen Rücktritt erklärte Ein Jahr später löste sich die Frauen- und Mädchenfußballabteilung im SV Wilhelmshaven auf ehe 2016 ein Neustart erfolgte.


Leider erlitt der jetzt 75-jährige Jadestädter vor drei Jahren einen schweren Unfall, als er unterwegs Fahrradfahrend mit einem Auto zusammenstieß. Seitdem kämpft er mit gesundheitlichen Problemen. „Ich bin nicht mehr der Helmut Fünfstück, wie er mal gewesen ist“. Er hadert zwar, lässt sich aber nicht entmutigen und verfolgt weiterhin sehr interessiert, aber auch kritisch das Fußballgeschehen und ist begeistert, welchen Fortschritt der Frauenfußball spielerisch, taktisch, läuferisch und athletisch in den vergangenen zwanzig Jahren genommen hat.